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Auf ein Wort

Interview mit dem Autor

Ich möchte aufzeigen, dass alle an der gegenwärtigen Problematik Beteiligten ihren Anteil dazu leisten können, dass die unaufhaltsame Entwicklung in die kulturelle und ethnische Vielfalt friedlich verläuft.

Professor Unschuld, Sie sind in der Wissenschaft, genauer gesagt in der  Geschichte der Medizin tief verwurzelt. Wie kommt es, dass Sie jetzt ein gesellschaftspolitisches Essay geschrieben haben?

Nun, wie könnte man, so darf ich im Gegenzug fragen, gesellschaftspolitische Themen vermeiden, wenn man sich mit der Geschichte der Medizin befasst? Die Geschichte der Medizin ist während der vergangenen zwei Jahrtausende immer eng mit der jeweiligen politischen Struktur und Ideologie verknüpft gewesen. Für die Gegenwart habe ich das in meinem Buch „Ware Gesundheit: Das Ende der klassischen Medizin“ beschrieben. In meinem Buch „Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst“ habe ich mit Blick auf Europa und China die fortwährende Einwirkung politischer Ideen auf die Ideen der Heilkunde und auch umgekehrt die Einwirkung medizinischer Ideen auf politisches Handeln aufgezeigt. Und da sind wir dann schon mitten im Thema. Der berühmte Pathologe Rudolf Virchow, den ich in Umbruch zitiere, war selbst auch politisch aktiv und verkündete, Politik sei Medizin im Großen. Das haben einige in den 1930er und 1940er Jahren wörtlich genommen mit den denkbar unheilvollsten Auswirkungen.

Gab es ein Ereignis, das Sie als “Stein des Anstoßes” für das Buch nennen können?

Aber warum jetzt dieses Buch? Ich habe lange Jahre in den USA studiert und gearbeitet. Ich habe ein Jahr in China studiert und ein halbes Jahr in Japan. Immer als Ausländer. Meine Vorfahren ebenso wie nahe angeheiratete Verwandte stammen aus verschiedenen näheren und ferneren Regionen – inklusive der entsprechenden Religionen. Ich habe in meinem Team Mitarbeiter beschäftigt, die kulturell kaum vielfältiger hätten sein können: aus mehreren Ländern Europas, aus Asien, aus Afrika. Alle großen Religionen Europas, des Vorderen Orients und fernerer Regionen waren vertreten. Und da wir alle ein Ziel hatten, war die Zusammenarbeit stets problemlos. So könnte man meinen, dass ich aus eigener Erfahrung keine Probleme in der zunehmenden ethnischen und kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft sehe und diese Entwicklung vorbehaltlos begrüße. Das ist auch so.

Den konkreten Anlass für das hier nun vorgelegte Buch boten die Ereignisse seit 2015. Ich habe ja nicht nur meine persönlichen Erfahrungen, sondern auch das eine oder andere Fach studiert, darunter in den USA Kulturanthropologie. Und daraus ergibt es sich gleichsam selbstverständlich, dass ein Großteil der Bevölkerung, der eben nicht die Erfahrungen und den persönlichen Hintergrund hat, die mich prägen, dass dieser Teil der Bevölkerung den, wie es der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel nannte, den gegenwärtigen „Umbruch“ in der deutschen Gesellschaft eben nicht so ohne weiteres akzeptieren kann. Die mitunter drastischen Reaktionen auf die ungewohnte Begegnung mit dem Fremden und Forderungen, gewohnte Denk- und Sprachmuster, Bräuche und anderes zu verlassen, sind von mancher Seite mit ebenso drastischen Verurteilungen bedacht worden. Das fand ich bemerkenswert und das war letztlich der Anlass, dieses Buch zu schreiben.

Sie bringen in “Umbruch” immer wieder Beispiele an, mit denen sich die Leser identifizieren können, die mitunter auch polarisieren. Wie schafft man die schmale Gratwanderung beim Schreiben eines Buches über ein so hochbrisantes Thema?

Es war an der Reaktion auf einige frühere Bücher, die sich mit dieser Problematik befassen, deutlich, dass auch bei diesem Buch nicht auszuschließen ist, dass der eine oder andere sich einen Satz aus dem Zusammenhang herausgreift und als anstößig verurteilt. Das ist nun einmal nicht zu vermeiden. Aber das darf nicht dazu führen, dass Wahrheiten, auch wenn sie für die eine oder andere Seite unwillkommen sind, nicht angesprochen und auf ihre positive oder negative Wirkmächtigkeit untersucht werden. Der aufmerksame Leser dieses Buches wird erkennen, dass ich hier nicht pauschalisierend auf die eine oder andere Gruppe schaue. Ich möchte aufzeigen, dass alle an der gegenwärtigen Problematik Beteiligten ihren Anteil dazu leisten können, dass die unaufhaltsame Entwicklung in die kulturelle und ethnische Vielfalt friedlich verläuft. Das ist, zu meinem Bedauern, ein Ansatz, der bislang kaum erkennbar ist. Es ist viel leichter, sich nur mit einer Gruppe und deren Sichtweise zu identifizieren und andere Sicht- und Verhaltensweisen zu verurteilen. Das Bild von der „Gratwanderung“ ist gut gewählt. Es besteht bei dieser Thematik in der Tat die Gefahr, nach der einen oder anderen Seite hin auf die schiefe Bahn zu geraten. Das hoffe ich vermieden zu haben.

Rassismus ist ein Problem, dem überall eindeutig widersprochen werden muss, aber in Deutschland kommt dem Widerstand gegen Rassismus und Diskriminierungen noch einmal eine besondere Bedeutung zu.

Wo liegt Ihrer Meinung nach die besondere Schwierigkeit für Deutschland, den Weg in eine neue Identität zu finden?

Ja, man muss unterscheiden zwischen der besonderen Schwierigkeit für Deutschland, den Weg in eine neue Identität zu finden, und den allgemeinen Schwierigkeiten, die alle Staaten mit offenen Grenzen haben, entweder in eine neue Identität zu finden oder die bisherige Identität zu bewahren. Der Austritt Großbritanniens aus der EU und auch die Bemühungen in Ungarn, Polen und der Türkei, weltanschaulich-religiöse Vielfalt zu vermeiden, sind nur einige von vielen Beispielen, wie ein Land mit seiner vermeintlichen Identität umgeht.

Die besondere Situation Deutschlands ist nicht nur durch seine Lage im Zentrum Europas ohne natürliche Grenzen, sondern auch durch seine Geschichte und den Status als Exportland bedingt. Ich habe in Umbruch viele Seiten darauf verwendet aufzuzeigen, mit wieviel geistiger Energie dem heterogenen Gebilde deutschsprachiger Länder seit Anfang des 19. Jahrhunderts eingeredet wurde, eine Nation, eine Volksgemeinschaft zu sein, mit einer von allen anderen Völkern unterschiedlichen und diesen auch überlegenen geistigen Kultur. Das hat bis heute seine Nachwirkungen und da kann man nicht einfach sagen: Schwamm drüber.

Hinzu kommt die immerwährende Nachwirkung der vielfach beschriebenen und dennoch unbeschreiblichen Verbrechen der NS-Zeit. Rassismus ist ein Problem, dem überall eindeutig widersprochen werden muss, aber in Deutschland kommt dem Widerstand gegen Rassismus und Diskriminierungen noch einmal eine besondere Bedeutung zu. Daher habe ich diese Themen aus meiner Sicht ausführlich angesprochen.

Sie schreiben, die Nationalstaaten haben ausgedient, Multikulti ist gescheitert. Was kommt stattdessen?

Der Sinn der Nationalstaaten hat ausgedient. Die Nationalstaaten bildeten eine wichtige und in vieler Hinsicht die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie anregende Phase der Entwicklung europäischer Gesellschaften. Viele unserer Errungenschaften, positive wie negative, sind nur aus der Konkurrenz und Unterschiedlichkeit der Nationalstaaten zu erklären. Da rangen die einzelnen europäischen Staaten miteinander, als stünden Individuen im Kampf um den ersten Platz. Aber dieser Wettbewerb war eben auch an das Bewusstsein einer nationalen Identität geknüpft, in der jeder Einzelne aufgeht, und diese Identität umschloss das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte, mit deren Künsten, wissenschaftlichen Erfolgen, geistigen Wurzeln und anderem mehr sich jeder Einzelne von Kind an zu identifizieren gelernt hatte. Doch das gilt immer weniger.

Wer möchte denn von den Neuankömmlingen erwarten, dass sie eine solche Mitgliedschaft in einer nationalstaatlich definierten Kultur erwerben? Die fehlende historische Gemeinsamkeit ist zumindest kurzfristig nicht nachzuholen und war auch in der Vergangenheit nur für überschaubare Zahlen von Zuwanderern möglich. Die neue Realität sieht anders aus. Die Existenz von Parallelgesellschaften erscheint unvermeidbar, wenn alle Neuankömmlinge ermutigt werden, all das zu vermeiden, was in früheren Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu einer Integration geführt hat. Da ergibt sich nun die Frage, ob die vielfach beschworene multikulturelle Gesellschaft so einfach zu realisieren ist, wie manche Wortführer das behaupten. Bei genauem Hinsehen zeigt sich doch, dass gerade die Kreise, die für eine multikulturelle Gesellschaft werben, in Widersprüchlichkeiten verfangen sind. Also, ich würde nicht sagen, „Multikulti ist gescheitert.“ Wir stehen ja erst am Anfang dieses Experiments, aber die vielfach zu beobachtende Naivität im Umgang mit dieser Zukunftsperspektive ist doch einigermaßen überraschend.

Wird den Emotionen der Menschen bei den Umbrüchen in der Gesellschaft zu wenig Beachtung geschenkt?

Es ist in jüngster Zeit herablassend von der Ersetzung der „Demokratie“ durch eine „Emokratie“ gesprochen worden. Seien wir froh, dass wir ein politisches System haben, das so angelegt ist, dass mögliche akute emotionale Aufwallungen keine direkten Einwirkungen auf politisches Handeln, insbesondere die Gesetzgebung haben. Aber das besagt nicht, dass gerade in dieser viele Menschen bis ins Mark berührenden Zeit des Umbruchs die Emotionen derer, die Schwierigkeiten mit dem Wandel haben, einfach mit denunziatorischen Bezeichnungen abzuwerten sind. Diese Emotionen haben in großem Maße ihre Berechtigung und sie sollten seriös auf ihre Ursprünge zurück verfolgt werden, um auch diese Menschen in den gesellschaftlichen Wandel mit einzubeziehen. Die Gesellschaft ist eben keine Maschine, die man einfach programmieren kann, um gewünschte Verhaltensweisen zu bewirken.

Sie schreiben: “Die zentrale Frage, jetzt und für geraume Zeit lautet: Welche Zukunft soll Deutschland haben?” Wären die Vereinigten Staaten von Europa eine Antwort?

Wenn wir von den „Vereinigten Staaten von Europa“ sprechen schwingt unausgesprochen das Vorbild der „Vereinigten Staaten von Amerika“ mit. Das kann kein Vorbild sein. Der Zusammenschluss etwa von Kalifornien und Texas, von Idaho und Georgia hat zwar grundverschiedene kulturelle, politische und auch ethnische Landschaften unter das Dach einer Zentralregierung geführt, aber mit den Schwierigkeiten, die einzelnen europäischen Nationen in einem Staat zu vereinen, ist das gar nicht vergleichbar.

 Ich habe in Umbruch als eine Grundargumentation die von Ferdinand Tönnies bereits 1887 eingeführte Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft verfolgt. Was ist eine Gemeinschaft? Ein Zusammensein auf der Grundlage von Vertrauen. Was ist eine Gesellschaft? Ein geregeltes Zusammensein mit Fremden unter dem Schirm neutraler Institutionen. Das Vertrauen gilt nicht notwendig dem anderen Menschen, aber – damit die Gesellschaft funktioniert – den übergeordneten neutralen Institutionen. Schaut man sich die Staaten Europas an, dann sieht man, wie schwierig es ist, Vertrauen zu schaffen, damit eine Gemeinschaft entsteht, oder auch neutrale Institutionen zu schaffen, damit eine funktionierende Gesellschaft entsteht. Leider sind diese Dinge in weiten Kreisen unbekannt, und daher fehlt es auch an einer wohl begründeten Diskussion, wie die Staaten Europas ihren zukünftigen Zusammenhalt gestalten können.

Umbruch Buch Weg Identität

Wohlfühlen kann kann man sich, wo man sich sicher fühlt. Wo man seine Meinung äußern kann, ohne einen Schaden befürchten zu müssen.

Wie sieht das Deutschland aus, in dem Sie künftig gerne leben möchten?

Wohlfühlen kann ich mich, und das wird den meisten so gehen, wo man sich sicher fühlt. Wo man seine Meinung äußern kann, ohne einen Schaden befürchten zu müssen. Das bedeutet, dass in Deutschland eine Gesellschaft entstehen möge, in der Vielfalt begrüßt wird und zwar konsequent. Eine Vielfalt, die da ihre Grenzen hat, wo sie anderen gesundheitlich oder wirtschaftlich zu Schaden gereicht. Wenn ich mir – und das habe ich in Umbruch an dem einen oder anderen Beispiel aufgezeigt – anschaue, wie abweichende Lebensentwürfe, die ja gerade das Merkmal einer kulturellen Vielfalt sein sollten, mit Wortgewalt denunziert werden, dann ist das eine Gefährdung des inneren Friedens und damit der Sicherheit. Hier ist in der politischen Diskussion ein ernstes Defizit erkennbar. Wünschenswert wäre ein Deutschland, in dem nicht die eine oder andere Gruppierung, weltanschaulich, religiös oder aus reinem Macht- und ökonomischen Interesse rücksichtlos die Vorherrschaft anstrebt, sondern wo auf einer weitestgehend geteilten Wertebasis ein friedvolles Miteinander möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

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